
Es gibt einen Moment, den niemand plant. Du stehst in einem Betrieb, der dir nicht gehört, trägst Verantwortung für Dinge, die dir nicht gehören, und denkst plötzlich einen Satz, der dort eigentlich nichts verloren hat: Das könnte ich auch selbst. Er kommt ohne Anmeldung, wie ein Gast, der um 23:40 Uhr noch einen Tisch für sechs möchte. Er ist da, und du wirst ihn nicht mehr los.
Die meisten legen ihn zurück in die Schublade. Es gibt Dienstpläne, Lieferanten, Mieten, und eine Schublade ist ein bequemer Ort für Sätze. Manche nehmen ihn irgendwann ernst. Dann wird aus einem Gedankenspiel ein Mietvertrag.
Gabriela Predatsch hat ihn ernst genommen. Allein war sie dabei nicht: Marcel Truckenmüller, den sie vor über zehn Jahren in der Sternegastronomie kennengelernt hat, saß mit im Boot. Wie die beiden die Anfänge selbst beschreiben, haben sie lange herumgealbert. Komm, lass uns ’ne Weinbar aufmachen. Das ist die ehrlichste Gründungsgeschichte, die mir seit Langem untergekommen ist. Kein Manifest, kein Pitch. Zwei Leute, die beim Erkunden von Weinregionen immer wieder dasselbe vermissten: eine Bar, in der man verschiedene Weine probieren kann, ohne dafür gleich ein Abendessen bestellen zu müssen.
„Getrunken wird immer“, haben sie sich gedacht. In der Gastronomie macht der Satz Mut. In jeder anderen Branche würde man ihn als Drohung lesen.
Fast zwanzig Jahre Gastronomie liegen hinter den beiden. Wer so lange an den Tischen anderer Leute steht, hat vermutlich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der eigene Tisch aussehen soll. Und wie er auf keinen Fall aussehen soll. Das zweite Wissen ist oft das haltbarere.
Was mich an Gabriela beschäftigt hat, ist ein Widerspruch, der bei Sommeliers selten ausgesprochen wird. Sie hat die Prüfung bei der IHK abgelegt, sie kennt die Regeln, und sie hat einen Ort gebaut, an dem sich ein Gast vor allem ein Glas bestellen kann. Das ist, als würde ein Fahrlehrer eine Straßenbahnhaltestelle eröffnen. Es ist auch eine ernst gemeinte Frage: Wie viel Wissen braucht ein Mensch eigentlich, um ein gutes Glas zu trinken? Und wem hilft es, wenn man es ihm auf den Tisch legt?
Ich habe mit ihr darüber gesprochen. Was dabei herauskam, verrate ich dir hier nicht. Nur so viel: Es war kein Gespräch über Rebsorten. Es ging um Orte, an denen Wein ankommt, und um die Leute, die ihn dorthin tragen. Die Kabi Weinbar im Stuttgarter Westen ist dafür ein ziemlich konkretes Beispiel. Sie hat eine Adresse, Öffnungszeiten und vermutlich Gäste, die um 23:40 Uhr noch etwas wollen.
Bleibt die Frage, die ich seitdem nicht mehr losgeworden bin: Was passiert eigentlich, wenn jemand irgendwann nicht mehr nur über Wein sprechen möchte, sondern einen eigenen Ort dafür baut?
Morgen erscheint die Folge mit Gabriela Predatsch.
Die eigene Weinbar, eine ganz andere „Geschichte“ dazu findest Du in dieser Episode:
Ein großes Dankeschön der Schlumberger-Gruppe für die Finanzierung dieses Projektes.
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