
Eine Weinbar ist ein wirtschaftlich fragwürdiger Einfall. Menschen kommen herein, setzen sich, trinken etwas, erzählen von ihrem Leben und bezahlen dafür, dass ihnen dabei jemand nachschenkt. Das würde kein Bankberater als Geschäftsmodell durchwinken. Trotzdem tragen Leute, die lange andere bedient haben, genau diese Idee mit sich herum wie einen Stein im Schuh. Man läuft damit weiter und ignoriert ihn. Irgendwann bleibt man stehen.
Gabriela Predatsch ist Restaurantfachfrau. Sie hat das Lokal des Sternekochs Bernd Bachofer in Waiblingen geleitet und später bei der IHK die Sommelier-Prüfung abgelegt. Ich stelle mir vor, was so ein Haus mit einem Menschen macht: Man lernt, im richtigen Moment da zu sein und im falschen unsichtbar. Man lernt, was ein Gast braucht, bevor er es selbst weiß. Das ist ein Handwerk, das sich ungern in Lebensläufe schreiben lässt, weil es dort nach drei Zeilen aussieht und in Wirklichkeit aus tausenden Abenden besteht.
Marcel Truckenmüller kam von der anderen Seite der Durchreiche. Er hat Koch gelernt, später die Sommelierfachschule in Zürich besucht und im Künstlerhaus den Weinausschank betreut. Sie kam aus dem Saal, er aus der Küche und später aus dem Ausschank. Wenn zwei Leute so unterschiedliche Wege in dieselbe Branche nehmen und sich am Ende trotzdem auf einen Ort einigen können, dann hat der Ort vermutlich etwas Zwingendes.
Er heißt Kabi, nach dem Kabinett. Das steht für leichte Weine mit wenig Alkohol. Ich finde es bemerkenswert, dass sich zwei Menschen aus dem Sterne-Umfeld für ihren Namen das Prädikat ausgesucht haben, das sich am wenigsten aufplustert. Die Bar sitzt in der Schlossstraße im Stuttgarter Westen, im ehemaligen Coucou, mit dem Hinterhof, der schon die alte Tagesbar Rappen beherbergt hat. Dienstag bis Samstag, ab 16 Uhr, bis Mitternacht. Rund 80 Weine standen zum Start auf der Karte, die offenen wechseln. Beide sagen, sie suchten Perlen, die sonst keiner hat. Man kann das für Marketing halten. Ich halte es für eine Arbeitsbeschreibung.
Was bleibt von jahrelanger Arbeit mit Wein? Bei Gabriela scheint es kein Dogma zu sein. Als sie auf dem Stuttgarter Weindorf alkoholfreie Alternativen probierte, urteilte sie nicht von oben herab, sondern praktisch: dieser eher leichte Wein passe zu Vorspeisen, Pasta oder einem Vesperbrett. Eine Sommelière, die ein Vesperbrett als Argument gelten lässt, hat verstanden, dass Wissen ein Werkzeug ist und kein Eintrittspreis.
Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, warum es Kabi geben musste. Eine eigene Weinbar ist womöglich weniger der Versuch, einen gastronomischen Traum zu erfüllen. Vielleicht ist sie der Versuch, endlich einen Ort zu bauen, an dem man selbst gern sitzen würde. In der Presse klingt es genau so: Kabi sei eine Weinbar, wie Gabriela und Marcel sie am liebsten selbst besuchen. Das ist unspektakulär und deshalb kaum zu widerlegen.
Die Folge mit Gabriela Predatsch ist ab heute online.
Weinbar komplett anders interpretiert, findest Du hier:
In dieser Episode dürfen wir richtig außergewöhnliche Produkte von einzigartigen Produzenten präsentieren.
Vielen lieben Dank dafür!

