
Der korkige Wein, der eine Wirtin gemacht hat
Manchmal entscheidet ein einziger unangenehmer Moment über einen ganzen Berufsweg. Bei Iris Giessauf war es ein Gast, der behauptete, sein Wein sei korkig. Sie konnte es weder bestätigen noch widerlegen. Und das, sagt sie selbst, hat sie geärgert. Nicht auf den Gast. Auf sich.
Diese Art von Ärger ist selten harmlos. Bei ihr wurde daraus eine Entscheidung: die Sommelierschule in Koblenz. Kein großer Plan, kein früher Traum vom Wein als Beruf, eher ein Punkt, an dem sie nicht mehr wollte, dass ihr jemand etwas erzählt, das sie nicht selbst beurteilen kann. Wer die Küche und die Weinkarte im Essers Gasthaus kennt, spürt bis heute etwas von dieser Haltung: lieber genau hinschmecken, als sich auf Behauptungen zu verlassen.
Nach Köln kam sie über ihren heutigen Mann, den Koch Andreas Esser, einen Kölner durch und durch. Vor fünfzehn Jahren stieg sie mit ins Essers ein, ein Stück auch aus Liebe, wie sie selbst sagt, und sie wusste damals schon, dass es keine Zwischenstation werden würde. Aus der Südsteirerin, die eher zufällig im Betrieb ihres Partners mitarbeitete, wurde die Sommelière und Gastgeberin, die das Haus heute mitträgt.
Was mich an ihrer Arbeit fasziniert, ist eine Kleinigkeit, die viel über sie erzählt: das Essers-Schnitzel, serviert nur sonntagabends, paniert mit Bröseln österreichischer Semmeln, die anders schmecken als deutsches Paniermehl. Dazu empfiehlt Iris meistens keinen Grünen Veltliner aus ihrer alten Heimat, sondern einen reifen, restsüßen Riesling von der Mosel. Eine Kombination, die auf dem Papier nicht zwingend naheliegt und im Glas sofort Sinn ergibt. Genau darin zeigt sich, wie sie Wein denkt: nicht nach Herkunft, sondern nach Geschmack, nach dem, was auf dem Teller tatsächlich passiert.
Diese Mischung aus klarer Vorstellung und Offenheit für das, was gerade passt, zieht sich durch das ganze Haus. Die Küche ist bodenständig, ohne stehenzubleiben. Die Weinkarte ist deutsch-österreichisch geprägt, ohne sich auf Heimatgefühl zu verlassen. Und Iris selbst wechselt mühelos zwischen Bestimmtheit und Zuhören, je nachdem, was der Abend gerade braucht.
Ein Gasthaus wie das Essers lebt nicht von Regeln, sondern von Vertrauen. Vertrauen der Gäste, dass man ihnen nichts vormacht. Und Vertrauen der Wirtin, dass ihr Urteil trägt, auch wenn es einmal gegen die naheliegende Wahl geht. Das hat mit einem korkigen Wein angefangen, vor vielen Jahren, in einem Gasthaus, das damals noch nicht ihres war.
Heute ist es das, was Köln mit Neuehrenfeld verbindet: ein Ort, an dem Genuss und Ehrlichkeit sich nicht ausschließen.
Noch mehr Weinwirtshaus, findest Du in München:
Eine großes Freude, ganz besondere Weinerzeuger und ihre Weine in dieser Episode präsentieren zu dürfen.
Danke für die Möglichkeit und Unterstützung

