
Was eigentlich passiert, wenn dir jemand ein Glas Wein hinstellt?
Klar, zunächst einmal passiert das, was passieren sollte: Du hast ein Glas Wein vor dir. Aber wenn jemand seinen Job wirklich gut macht, passiert da eben noch ein bisschen mehr. Dann wird aus dem Glas plötzlich ein Teil des Abends. Und genau darüber habe ich mit Linh Nguyen gesprochen.
Linh ist Sommelier im Jellyfish in Hamburg und jemand, bei dem man ziemlich schnell merkt, dass Wein für sie nicht einfach eine Liste aus Rebsorten, Jahrgängen und Anbaugebieten ist. Sie interessiert sich vor allem dafür, was Wein mit einem Abend macht. Mit dem Essen. Mit dem Gast. Und auch mit der Atmosphäre, die gerade am Tisch entsteht.
Dabei ist ihr eigener Weg gar nicht so geradlinig, wie man vielleicht vermuten würde, wenn man heute neben ihr im Restaurant sitzt. Sie kommt aus Dresden, hat unter anderem im Taschenbergpalais Kempinski, bei Kastenmeiers und im Hotel Suitess gearbeitet und ihre Sommelier-Ausbildung an der Deutschen Wein- und Sommelierschule gemacht. Seit 2024 gehört sie zum Team des Jellyfish in Hamburg.
Und da wird es dann eigentlich interessant. Denn was macht einen guten Sommelier aus? Sicher nicht nur die Fähigkeit, dir innerhalb von zwölf Sekunden zu erklären, warum dieser eine Wein jetzt unbedingt zu deinem Teller passt. Es geht viel mehr darum, Menschen zu lesen. Zu merken, worauf jemand Lust hat. Ob jemand neugierig ist oder einfach nur einen guten Abend haben möchte. Ob ein Wein gerade wirklich passt – oder ob man ihn besser gar nicht erst ins Spiel bringt.
Linh beschreibt Weinbegleitung deshalb auch eher als eine Art Dramaturgie. Und ich finde, das trifft es ziemlich gut. Ein Menü ist schließlich nicht einfach eine Ansammlung von zehn Tellern, die zufällig hintereinander kommen. Und eine Weinbegleitung sollte auch nicht aus zehn Gläsern bestehen, die irgendwie nebeneinander stehen. Es geht um Spannung, um Kontraste, um Überraschungen. Mal funktioniert ein Wein perfekt, weil er sich komplett zurücknimmt. Und manchmal funktioniert er gerade deshalb, weil er sich ein bisschen einmischt.
Spannend fand ich auch, wie wichtig ihr der direkte Kontakt mit den Gästen ist. Denn am Ende kann man noch so viel über Wein wissen – wenn man nicht mit Menschen umgehen kann, hilft einem das nur bedingt. Wein ist schließlich kein Multiple-Choice-Test. Es gibt nicht bei jedem Glas eine einzige richtige Antwort.
Und natürlich haben wir auch darüber gesprochen, was passiert, wenn jemand gar keinen Alkohol trinken möchte. Auch da geht es nicht darum, einfach irgendeinen Saft hinzustellen und das Thema damit zu erledigen. Eine alkoholfreie Begleitung muss genauso zum Essen passen, Spannung haben und vor allem das Gefühl vermitteln, dass man als Gast nicht die zweite Reihe bekommen hat.
Ich mag solche Gespräche, weil man dabei irgendwann merkt, dass es beim Wein eigentlich gar nicht so sehr um Wein geht. Es geht um Menschen. Um Geschmack. Um Neugier. Um den Moment, in dem jemand am Tisch plötzlich sagt: „Wow, das hätte ich jetzt nicht erwartet.“
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe eines Sommeliers: nicht zu zeigen, wie viel er weiß, sondern dafür zu sorgen, dass der Gast etwas erlebt.
Die neue Folge mit Linh Nguyen ist jetzt online. Und ich würde sagen: Glas einschenken, hinsetzen, zuhören. Der Rest ergibt sich.
Nicht minder spannend präsentiert sich dieser SOMMELIER-Kollege, mit gleicher Begeisterung und gleicher Euphorie:
Und während dieser Episode dürfen wir ganz besondere Weine von den folgenden Produzenten vorstellen.
Vielen lieben Dank dafür!

