
Warum fühlt man sich in der Nürnberger Weinbar 075 am Weinmarkt, wie an einem Ort in dem man seine Weinseele fallen lassen kann? Nicht nur wahrscheinlich, sondern sehr sicher, wegen ihr. Difan Xu ist dreißig Jahre alt, hat im Ritz Carlton Wien gearbeitet, bei Gordon Ramsay in London, bei Obauer in Österreich und im Cordo in Berlin – und hat sich dann entschieden, das alles sein zu lassen und stattdessen in Nürnberg eine Weinbar zu eröffnen. Das klingt nach dem klassischen Plot eines Menschen, der irgendwann die Eleganz der großen Häuser gegen die Freiheit des eigenen Ladens eintauscht. Und genau das ist es auch. Aber eben nicht nur.
Mit der Weinbar 075 hat sie gemeinsam mit ihrem Partner Max Beckmann den Traum von einem Ort verwirklicht, der sich wirklich um Wein dreht – nicht um Inszenierung, nicht um Preispunkte als Statussymbol. Die Auswahl reicht von fränkischen Klassikern über österreichische Referenzweine bis zu ferneren Entdeckungen, immer mit Blick auf Handwerk und Klarheit. Wer reinkommt, kann probieren, bevor er kauft. Wer bleibt, bekommt dazu ein paar Kleinigkeiten zu essen – Käse von Volker Waltmann aus Erlangen, luftgetrocknete Cacciatore aus Italien – und ein Gespräch, das man so schnell nicht vergisst.
Was Difan Xu dabei auszeichnet, ist eine Qualität, die in der Weinwelt seltener ist als ein unbekannter Burgunder-Premier-Cru: Sie kann Wein erklären, ohne dass man sich dabei dumm vorkommt. Die 075 ist freundlich, ohne performativ zu sein – ein Ort, der Aufmerksamkeit belohnt. Kein Zeigefinger, kein Bildungsauftrag, kein subkutanes Räuspern, wenn jemand nach einem Rotwein aus Australien fragt.
Die Weinauswahl umfasst Weine aus Franken, Österreich, Kalifornien und Japan – und das sagt eigentlich schon alles über ihre Weltsicht. Wein als offene Frage statt als geschlossenes System. Herkunft als Gesprächsanlass, nicht als Hierarchie.
Dass das Falstaff-Magazin die 075 nur wenige Monate nach der Eröffnung zur Neueröffnung des Jahres in Deutschland gekürt hat, ist wenig überraschend für alle, die schon mal dort gesessen haben. Überraschend ist höchstens, dass solche Orte nicht öfter entstehen.
Morgen erscheint meine Episode mit Difan Xu. Wir reden über ihren Weg, über das Konzept hinter der 075, über ihre Haltung zu Wein und darüber, was es bedeutet, in einer Szene zu arbeiten, die sich gerade neu erfindet. Ich verspreche Dir: Es wird kein Gespräch über Parker-Punkte. Es wird eines über Neugier.
Bis morgen.
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