
Kurz vor sieben an der Hoheluftbrücke hängen die ersten Gäste ihre Jacken an einen Haken, der für so ein volles Haus eigentlich zu niedrig sitzt. Diese kleine Unstimmigkeit – gute Idee, halbfertig umgesetzt – gehört zu Klinker wie das Ziegelrot an der Fassade. Man gewöhnt sich daran. Und man merkt: Hier wird nicht alles glattgebügelt, nur weil es ein Restaurant mit Stern-Ambitionen ist.
In genau diesem Haus arbeitet Anna Melissa Eßer als Sommelière. Ein Betrieb, der überwiegend vegetarisch kocht und trotzdem im Guide Michelin steht, hat schon einmal bewiesen, dass er nicht aus Angst vor Widerspruch tut, was er tut. Wer sich dort wohlfühlt, hat vermutlich auch sonst wenig übrig für Regeln, die nur deshalb gelten, weil sie gestern auch schon galten.
Bei Anna wird daraus keine Attitüde. Sie widerspricht nicht, um zu widersprechen – das wäre zu billig, und billig ist an diesem Tisch selten etwas. Stattdessen fragt sie zuerst nach dem Warum. Erst dann entscheidet sie, ob eine Regel bleiben darf oder gehen muss. Diese Zwischenstation, das Prüfen vor dem Urteilen, ist selten geworden in einer Branche, die gern in zwei Lager zerfällt: die einen, die jede Konvention verteidigen, weil sie Konvention ist. Die anderen, die jede Konvention ablehnen, weil Ablehnung gerade gut aussieht. Anna gehört zu keinem der beiden Lager. Sie gehört zu den wenigen, die den Umweg über das Nachdenken nicht scheuen.
Das klingt nach Kopfarbeit, und ein bisschen ist es das auch. Aber es zeigt sich handfest: in der Art, wie ein Glas gewechselt wird, ohne dass jemand danach gefragt hätte. In der Pause vor einer Antwort, die andere schon längst gegeben hätten. In dem leisen Vergnügen, mit dem sie zusieht, wenn ein Gast seine eigene Erwartung über den Haufen wirft, weil das Glas vor ihm nicht das ist, was er bestellt zu haben glaubte.
Wer an Sommellerie in erster Linie Etikette und auswendig gelerntes Fachwissen versteht, wird bei Anna kurz stutzen. Das Handwerk sitzt, keine Frage – aber es ist nicht der Punkt. Der Punkt ist eine Haltung, die selten genug vorkommt: Freiheit nicht als Beliebigkeit, sondern als Verpflichtung, sich selbst ein Urteil zu bilden, und zwar jedes Mal neu.
Ich habe mit ihr über genau das gesprochen – über Unabhängigkeit, die kein Widerstand um seiner selbst willen ist, über den Unterschied zwischen einer Regel infrage stellen und sie einfach ignorieren, und darüber, was das mit einem Weinberuf macht, der von außen oft nur als Service wahrgenommen wird. Was mich überrascht hat, verrate ich hier noch nicht. Nur so viel: Wer glaubt, das Thema Freigeist im Wein sei längst auserzählt, hat Anna Melissa Eßer noch nicht zugehört.
Die Episode erscheint morgen. Der Haken an der Garderobe hängt bis dahin unverändert zu tief.
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Ein ganz großes Dankeschön an unseren Partner, die Schlumberger-Gruppe,
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