MUTATIONEN UND DIE EINZIGARTIGE GESCHICHTE EINER REBSORTE

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2000 Jahre alt, immer noch rastlos, und der Vater einer halben Weinwelt

Wenn Familienstammbäume Wein wären, wäre der Spätburgunder das, was am Ende des Tisches sitzt und allen anderen erzählt, wie es wirklich war. Denn kaum eine Rebsorte hat so viele Nachkommen, so viele Mutationen, so viele Identitäten unter so vielen Namen und auf so vielen Breitengraden.

Begonnen hat es vermutlich vor über 2000 Jahren. Die Biologin Carole Meredith zog in den 1990er-Jahren aus DNA-Analysen den Schluss, dass der Spätburgunder in nahezu direkter Linie von einer Wildrebe abstammt, was ihn von den meisten anderen Kultursorten fundamental unterscheidet: Er wurde nicht durch Kreuzung erschaffen, er wurde aus der Wildnis selektiert. Erste schriftliche Hinweise auf eine dem Spätburgunder ähnliche Rebsorte finden sich im römischen Werk De re rustica von Columella, was ihn ins erste nachchristliche Jahrhundert datiert.

Im Burgund ist er spätestens seit dem Frühmittelalter belegt. Die Zisterziensermönche, jene mittelalterlichen Wirtschaftswundermacher in Kutten, bauten ab dem 12. Jahrhundert die Weinberge der Côte d’Or systematisch aus und selektionierten über Generationen Klone, die dem spezifischen Klima und Boden trotzen konnten. 1335 gelangten Reben nach Deutschland, in den Rheingau. 1318 ist Spätburgunder am Bodensee unter dem Namen Klebroth belegt. Im 18. Jahrhundert sollen erste Reben die Ahr erreicht haben.

Der Name Pinot leitet sich wahrscheinlich vom französischen Wort pin für Fichte ab, wegen der zapfenförmigen Traube. Und unter diesem Namen existiert er in 370 verschiedenen Synonymen weltweit: Spätburgunder, Blauburgunder, Schwarzburgunder, Pinot Nero, Pinot Fin, Clevner, Rulandské modré. Gleiche Rebe, anderer Pass.

Das Erstaunlichste ist, was er unterwegs produziert hat: Mutationen. Der Spätburgunder neigt genetisch zu spontanen Veränderungen seiner Erbsubstanz in einem Ausmaß, das unter Kulturreben ungewöhnlich ist. Aus diesen Mutationen entstanden Grauburgunder und Weißburgunder, deren genetischer Fingerabdruck mit dem des Spätburgunders identisch ist, lediglich die Farbpigmentierung verändert. Der Weißburgunder könnte dabei sogar eine Zwischenetappe zwischen Spätburgunder und Grauburgunder sein. Frühburgunder, Pinot Teinturier, Pinot Tête de Nègre, Pinot Liébault, der 1810 in Gevrey selektiert wurde: alles Mutationen. Auch Schwarzriesling (Pinot Meunier) ist eine Mutation, und aus dessen Rückmutation entstand 1928 in einem Heilbronner Weinberg der Samtrot, eine Sorte, die es ausschließlich in Deutschland gibt.

2007 wurde der Spätburgunder als erste Rebsorte weltweit vollständig genomsequenziert. Was die Forscher dabei veröffentlichten: 30.434 Gene, ein Genom mit außerordentlicher Mutationsneigung und einer inneren Instabilität, die seine genetische Kreativität erklärt. Der Spätburgunder ist eine Rebe, die sich selbst nie fertig ist. Was man, je nach Perspektive, als Stärke oder als Temperament lesen kann.

Und schließlich ist er, gemeinsam mit Gouais Blanc, der biologische Vater eines Drittels der heute bedeutenden europäischen Rebsorten: Chardonnay, Gamay, Aligoté, Melon de Bourgogne, Auxerrois und viele mehr entstanden aus der spontanen Kreuzung dieser beiden Sorten im Mittelalter. Wer also Chardonnay trinkt, trinkt einen Enkel des Spätburgunders. Was der Chardonnay darüber denkt, ist nicht überliefert.


In einem anderen DEEP DIVE ging es um das NAPA VALLEY mit Max Wilm

Spätburgunder in Perfektion, hatten wir exemplarisch bei der Episode. Ein großes Dankeschön an die Produzenten.

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