
Es gibt Weinlandschaften, die man betrachtet. Und es gibt Weinlandschaften, die man begreifen muss. Die Südsteiermark gehört zur zweiten Kategorie. Sie erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern in Schichten – wie ein großer Wein. Je länger man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr entdeckt man: Klima, Geologie, Exposition, Geschichte, Rebsorten und vor allem eine außergewöhnliche Konsequenz der Menschen, die hier Wein machen.
Mit rund 2.800 Hektar Rebfläche ist die Südsteiermark das größte der drei steirischen DAC-Gebiete. Die Weinberge ziehen sich als kleinteiliges Mosaik durch eine hügelige Landschaft bis an die slowenische Grenze. Gamlitz, Ehrenhausen, Leutschach, Eichberg und das Sausal bilden dabei die fünf Ortsweingebiete der Südsteiermark DAC. Es ist eine Weinregion, die auf der Landkarte überschaubar wirkt und im Glas plötzlich eine erstaunliche Tiefe entwickelt.
Ihr eigentliches Geheimnis liegt im Relief. Die Südsteiermark ist Bergweinbau – und vielfach Steillagenweinbau. Rebstöcke stehen auf Hängen, die eine maschinelle Bewirtschaftung erheblich erschweren und häufig Handarbeit verlangen. Die Steigung ist hier nicht nur ein landschaftliches Detail, sondern ein weinbaulicher Faktor. Exposition, Hangneigung, Sonneneinstrahlung, Wasserhaushalt und Luftzirkulation verändern sich auf kleinstem Raum. Dadurch entstehen unterschiedliche Mikroklimata und eine bemerkenswerte Lagenindividualität.
Auch das Klima arbeitet subtil. Die Südsteiermark profitiert von einem feuchtwarmen, von mediterranen Einflüssen geprägten Klima, gleichzeitig sorgen kühlere Nächte für einen langen Vegetationsverlauf und den Erhalt der aromatischen Frische. Genau diese Spannung ist entscheidend: Reife ohne Schwere, Frucht ohne Überreife, Säure ohne Härte. Für Weißwein ist das beinahe eine ideale Konstellation.
Und dann ist da die Geologie. Die Südsteiermark besitzt keinen einzigen „typischen“ Boden, sondern ein komplexes geologisches Patchwork. Sand, Sandstein, Mergel, Kalk, Schotter, Konglomerate und Schiefer prägen unterschiedliche Bereiche. Besonders berühmt sind die kalkreichen beziehungsweise fossilführenden Böden der besten Sauvignon-Lagen. Im Sausal wiederum dominieren Schieferformationen, die den Weinen eine andere Textur und mineralische Spannung verleihen können. Die Bodenvielfalt ist damit nicht Dekoration, sondern ein wesentliches Instrument der Herkunft.
Philosophisch betrachtet ist genau das vielleicht die größte Stärke der Südsteiermark: Sie versucht nicht, aus Verschiedenheit Einheit zu machen. Sie macht aus Verschiedenheit Herkunft.
Und diese Herkunft hat eine klare Leitsorte: Sauvignon Blanc.
Mit rund 691 Hektar ist Sauvignon Blanc die wichtigste Rebsorte der Südsteiermark. In der gesamten Steiermark umfasst die Sorte 902 Hektar und steht inzwischen an der Spitze der Rebflächen. Ihre Geschichte reicht in der Steiermark bis ins 19. Jahrhundert zurück, als Erzherzog Johann die Sorte unter der damals gebräuchlichen Bezeichnung „Muskat-Sylvaner“ einführte. Heute gehört der südsteirische Sauvignon zu den international profiliertesten Interpretationen dieser Rebsorte.
Dabei ist „Sauvignon Blanc“ in der Südsteiermark kein geschmackliches Einheitsmodell. Frühere, kühlere Lesetermine können stärker von grüner Paprika, Brennnessel, Holunder und Kräuterwürze geprägt sein. Mit zunehmender physiologischer Reife verschiebt sich das Aromenspektrum Richtung Stachelbeere, Johannisbeere, Grapefruit, Passionsfrucht und reifere Frucht. Hochwertige Riedenweine können zusätzlich eine bemerkenswerte Dichte, salzige Mineralität, Struktur und Länge entwickeln. Die Rebsorte wird damit zum Spiegel von Reifegrad, Boden, Exposition und Vinifikation.
Doch die Südsteiermark auf Sauvignon Blanc zu reduzieren, wäre ungefähr so, als würde man Burgund auf Chardonnay reduzieren.
Welschriesling besitzt hier Tradition und Frische, Weißburgunder bringt Substanz und burgundische Anmutung, Gelber Muskateller sorgt für florale und würzige Aromatik. Morillon – der steirische Name für Chardonnay – kann von präzisen, kühlen, mineralischen Weinen bis zu kraftvollen, im Holz ausgebauten Interpretationen reichen. Dazu kommen Riesling, Grauburgunder und Traminer. Rote Sorten spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Besonders interessant ist das österreichische Herkunftssystem DAC. Seit dem Jahrgang 2018 können Weine die Bezeichnung Südsteiermark DAC tragen. Das System folgt der Herkunftspyramide von Gebietswein über Ortswein bis zum Riedenwein. Je enger die Herkunft, desto stärker tritt die konkrete Identität von Ort und Lage in den Vordergrund. Für Weinliebhaber bedeutet das: Die Südsteiermark erzählt ihre Geschichte zunehmend nicht nur über Rebsorten, sondern über Herkunft.
Das ist ein entscheidender Schritt in der Entwicklung dieser Region. Denn die Südsteiermark hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen qualitativen Wandel erlebt. Aus einer traditionsreichen, kleinstrukturierten Weinlandschaft wurde eine international beachtete Herkunft. Die Winzer verbinden heute Erfahrung mit Ausbildung, Reisen und internationalem Austausch. Gleichzeitig bleibt die Arbeit im Weingarten körperlich unmittelbar: steile Hänge, niedrige Erträge, Handlese und eine Landwirtschaft, bei der der Mensch noch immer sehr nah an der Rebe arbeitet.
Auch historisch ist diese Landschaft älter, als ihre moderne Eleganz vermuten lässt. Der Weinbau in der Steiermark reicht bis in die Antike zurück; Kelten und später Römer prägten frühe Formen des Weinbaus. Nach dem Niedergang des Römischen Reiches ging Wissen verloren, bevor Weinbau unter Karl dem Großen und besonders durch kirchliche Institutionen wieder an Bedeutung gewann. Die Reblaus und die politischen Umbrüche nach 1918 veränderten die Weinlandschaft tiefgreifend. Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie verlor die Steiermark mehr als 30.000 Hektar Rebfläche an das damalige Jugoslawien. Erst im späten 20. Jahrhundert begann der große qualitative Wiederaufstieg.
Vielleicht erklärt gerade diese Geschichte die besondere Mentalität der Südsteiermark.
Sie ist eine Region, die gelernt hat, dass Wein niemals selbstverständlich ist.
Jede Steillage ist eine Entscheidung. Jeder Rebstock eine Wette auf die Zukunft. Jede Ried ein Versuch, etwas sichtbar zu machen, das im Boden längst vorhanden ist.
Und deshalb schmeckt ein großer südsteirischer Wein niemals nur nach Sauvignon Blanc, Morillon oder Muskateller.
Er schmeckt nach Landschaft.
Nach Kalk und Schiefer. Nach warmen Tagen und kühlen Nächten. Nach Handarbeit und Risiko. Nach Tradition und Veränderung. Nach einem Winzer, der versucht, seine Herkunft nicht zu überdecken, sondern sie in die Flasche zu übersetzen.
Vielleicht ist das die eigentliche Philosophie der Südsteiermark:
Großer Wein entsteht nicht dort, wo der Mensch die Natur besiegt. Sondern dort, wo er gelernt hat, ihr genau zuzuhören.
Die Episode gibt es hier:
Ein großes Dankeschön an WEIN STEIERMARK

und den Weintourismusverband Südsteiermark

für die unglaubliche Unterstützung und Begleitung dieser Episode
