
Fangen wir damit an, dass die Russen kamen.
Zar Alexander I. hat Leute übrig und schickt sie ans Ende der Welt – an die Küste Nordkaliforniens, wo sie bei Fort Ross Pelztiere jagen und, weil Russen nun mal Russen sind, nebenbei Palomino-Reben aus Peru pflanzen. Die Weine, die dabei entstehen, sind wahrscheinlich grauenhaft. Aber der Gedanke sitzt. Sonoma hat seine erste Rebe. Die Geschichte nimmt Fahrt auf – langsam zuerst, dann mit der Brutalität eines Schusses, den niemand ankündigt.
Wenige Jahre später kommt General Mariano Vallejo und macht ernst. Seine Weinberge erwirtschaften Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich 20.000 Dollar. Für Trauben, die heute niemand mehr anfassen würde. Aber Vallejo ist klug genug zu wissen, dass das erst der Anfang ist.
Dann, 1855, betritt Agoston Haraszthy die Bühne – und die Bühne sollte sich das merken.
Der Ungar. Der selbsternannte Graf. Der Mann, der als erster US-Münzprüfer in San Francisco arbeitete, wegen angeblicher Unterschlagung von 151.550 Dollar Gold angeklagt wurde, freigesprochen wurde, nach Sonoma zog, 800 Acres kaufte, Kaliforniens erste Weinhöhlen in den Fels schlug, Kaliforniens erste Schwerkraft-Kellerei baute und 1861 vom kalifornischen Gesetzgeber nach Europa geschickt wurde, um die Weinwelt zu studieren. Er kam zurück mit 100.000 Rebsetzlingen aus 300 Sorten – Cabernet Sauvignon, Merlot, Riesling, Sauvignon Blanc. Das Parlament weigerte sich, die Reise zu bezahlen. Haraszthy pflanzte trotzdem. Er war dieser Typ.
1869 fiel er in Nicaragua von einem Ast über einem Krokodilfluss. Nicht gesehen seitdem. Die Reben blieben.
Was folgte, war eine Dekade der Hybris. Die 1880er sahen 23.000 Acres unter Reben – Fountaingrove in Santa Rosa produzierte allein 200.000 Gallonen Wein pro Jahr, geleitet von Kanaye Nagasawa, einem japanischen Einwanderer, der das Weingut nach dem Tod des Gründers jahrzehntelang allein am Laufen hielt und dabei von der amerikanischen Gesellschaft systematisch ignoriert wurde.
Dann kamen die Läuse.
Phylloxera. Jene Wurzellaus aus Amerika, die mit Haraszthys europäischen Stecklingen zurückreiste wie ein blinder Passagier und sich durch Sonomaer Böden fraß wie ein Feuer durch trockenes Gras. Buena Vista stellte 1883 die Produktion ein. Nicht für ein Jahr. Für Jahrzehnte.
Und dann, als wäre das noch nicht genug, kam 1920 die Prohibition.
Fasst man das kurz zusammen: Die amerikanische Regierung verbot Alkohol. 256 Weingüter in Sonoma vor dem Verbot. Weniger als 50 danach. Der Rest riss Rebstöcke raus und pflanzte Pflaumen. Was die Übriggebliebenen durften – und das ist mein Lieblingskapitel dieser Geschichte – waren Hausweinmacher. 200 Gallonen fermentierten Fruchtsaft pro Haushalt erlaubte der Volstead Act. Kalifornien produzierte in dieser Zeit 150 Millionen Gallonen Hauswein. Das Land war nicht nüchtern. Es war einfach privater geworden.
1933 fiel das Verbot. 1951 pflanzten Hanzell Vineyards die ersten Pinot-Noir- und Chardonnay-Reben im Sonoma Valley – und reiften sie erstmals in französischen Eichenbarrels. Fast unbekannt damals. Heute Selbstverständlichkeit.
Und dann: Paris. 24. Mai 1976.
Der britische Weinhändler Steven Spurrier organisierte eine Blindverkostung, die Frankreich demütigen sollte – nur hatte das niemandem in Frankreich gesagt. Die Bacigalupi-Familie aus dem Russian River Valley lieferte 14 der 20 Tonnen Chardonnay-Trauben für das Weingut Chateau Montelena. Das Ergebnis gewann gegen die besten Weißburgunder Frankreichs. Kein Mensch wusste, dass Sonoma die Hälfte des siegreichen Weines geliefert hatte – weil Weingutsnamen damals zählten, nicht Anbaugebiete. Sonoma machte Paris. Paris wusste es nicht.
1981 bekam Sonoma seine erste AVA. Heute sind es 19.
Die Geschichte dieser Region ist kein linearer Aufstieg. Sie ist ein Gewirr aus Visionen, Katastrophen, Kriegsgewinnlern, Läusen, Verboten, Schweigsamkeit und gelegentlichem Glück. Genau wie guter Wein, wenn man genau hinschaut.
Kalifornien als Deep Dive im Überblick gab es schon einmal mit Florian Richter. Viel Spaß beim anhören:
Zu einem Deep Dive gehören besondere Weine.
Die folgenden durften wir während der Episode verkosten und vorstellen. Vielen lieben Dank dafür.

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