
Fangen wir mit dem Skandal an.
Sonoma County hat 259 verschiedene Bodentypen. Ganz Frankreich hat weniger. Das ist keine Werbezeile – es ist eine geologische Tatsache, die man erst begreift, wenn man versteht, was hier unter der Erde eigentlich vor sich geht. Beziehungsweise: vor sich gegangen ist. Über Zeiträume, für die das Wort „lange“ keine angemessene Kategorie mehr ist.
Alles beginnt mit einer Subduktionszone.
Vor 150 bis 200 Millionen Jahren schiebt sich die Farallon-Platte – ein ozeanischer Tektonikkoloss – unter den nordamerikanischen Kontinent. Was dabei entsteht, ist der Franciscan Complex: eine der geologisch chaotischsten Ansammlungen von Gestein auf diesem Planeten. Meeresboden-Basalte, eisenreiche Vulkanite, metamorphe Gesteine, Radiolarit-Chert, Greywacke-Sandstein – alles zusammengeschoben, gefaltet, zerbrochen, neu arrangiert wie die Reste eines Tisches nach einem Erdbeben. In diesen Böden wachsen heute Sonomas Hangweinberge. Etwa 20.000 Acres Hillside Vineyards, deren Reben sich durch flachgründiges Gestein kämpfen müssen, um überhaupt an Wasser zu kommen. Das Ergebnis: kleines Beerenwerk, konzentrierte Aromen, tiefrote Cabernets mit dem Knochenbau, der aus Stress entsteht, nicht aus Fürsorge.
Die Rebe leidet. Der Wein profitiert. Das ist kein Paradox. Das ist Vitikulturerkenntnis.
Dann die andere Geschichte: die Sonoma Volcanics.
Mount St. Helena im Nordosten war einmal ein aktiver Vulkan. Das Miozän, vor 5 bis 23 Millionen Jahren, hinterließ hier Lavaschichten, Ascheschichten, Rhyolith und Basalt – eine Formation, die sich von Sonoma über Napa bis nach Lake County erstreckt. Diese vulkanischen Böden sind reich an Mineralien, gut drainierend, strukturell porös genug, dass Wurzeln auf vier bis sechs Fuß Tiefe eindringen können. Im Alexander Valley liegt auf dem legendären Black Mountain mehr Bodenvielfalt konzentriert als in ganz Frankreich – keine Übertreibung, sondern dokumentierte Geologie.
Und dann die stille Hauptrolle: Goldridge.
Vor fünf Millionen Jahren war das heutige Green Valley ein flaches Inlandmeer. Das Meer zog sich zurück – buchstäblich in die andere Richtung, als hebe jemand eine Seite des Tisches an – und hinterließ eine Sandlehm-Schicht über gebrochenem Sandstein, die man heute Goldridge nennt. Ein Boden mit 2 bis 4 Prozent organischer Substanz, pH-Werten zwischen 6,0 und 7,0, exzellenter Drainage und der chemischen Ausgeglichenheit, die Pinot Noir braucht wie andere Menschen Schlaf. Der Goldridge-Boden bedeckt allein rund 45.000 Acres im Russian River Valley und ist, ohne theatralisches Zögern, einer der großartigsten Rebenböden der Welt.
Was der Boden in Sonoma eigentlich leistet, ist Folgendes: Er hält die Rebe kurz. Nicht aus Bosheit, sondern aus Knapphaltung. Wo Nährstoffe fehlen, wächst die Pflanze weniger Blattwerk und mehr Frucht. Wo die Drainage zu gut ist, muss die Wurzel tiefer, um Wasser zu finden – und findet dabei Mineralien, die in keiner Düngertüte stehen. Elf geologische Hauptformationen, 31 dokumentierte Bodenreihen, 259 klassifizierte Typen. Das sind nicht Zahlen. Das ist die Bibliothek, aus der Sonoma seine Weine schreibt.
Jeder Jahrgang ist eine neue Ausgabe. Jede Parzelle ein anderes Kapitel.
Natürlich ist das nicht unser einziger Deep Dive. Mit Nancy Großmann haben wir über Portugal geredet:
Folgende Weine von sehr engagierten Importeuren durften wir während der Episode verkosten und vorstellen:

Sicher interessiert Dich auch
-
DAS KLIMA VON SONOMA. ODER: WAS PASSIERT, WENN DER OZEAN EINEN WEINKELLER BETREIBT
-
SONOMA. EINE VORGESCHICHTE IN BLUT, LAUGE, VERBOTEN UND RUHM
-
SONOMA. 59.000 MORGEN WAHNSINN UNTER KALIFORNISCHER SONNE
-
WENN EINER SONOMA ERKLÄREN KANN, DANN JUSTIN LEONE
-
JUSTIN LEONE MEETS SONOMA – KLEINER TEASER SCHON HEUTE
