
Probier das mal zu Hause. Nimm einen Schluck von irgendwas und erkläre jemandem, wie es schmeckt. Nach drei Sätzen hast du entweder „fruchtig“ gesagt oder „irgendwie rund“, und beides hilft keinem. Wein hat dieses Problem von Natur aus, und die Branche hat dafür eine eigene Sprache erfunden: Himbeere, Graphit, nasser Stein. Klingt präzise, ist es manchmal auch. Oft ist es aber der Beipackzettel eines Getränks, das du eigentlich nur trinken wolltest.
Genau darüber habe ich mit Gunnar Tietz gesprochen. Wein-Guru, früher Sommelier im „First Floor“, also jemand, der diese Übersetzungsarbeit am Tisch gemacht hat, mit echten Gästen, die hungrig waren und nicht alle Lust auf einen Vortrag hatten. Ein Restaurant ist ein erstaunlich ehrlicher Prüfstand. Wenn du dort zu viel erklärst, siehst du es sofort an den Gesichtern. Wenn du zu wenig erklärst, sitzt jemand vor einem Glas und lächelt höflich.
Die Folge ist für mich deshalb keine Erzählung aus einem Berufsleben. Sie handelt von einer einfachen Sache, die schwer zu machen ist: jemandem einen Wein nahezubringen, ohne ihn zu belehren. Wissen ist dabei nicht das Problem. Sommeliers wissen viel, das ist ihr Beruf. Das Problem ist der Moment, in dem man entscheidet, wie viel davon auf den Tisch kommt.
Mich hat vor allem interessiert, wann Erklären hilft und wann es anfängt zu nerven. Dazwischen liegt vermutlich ein schmaler Grat, und ich wollte von jemandem hören, der ihn nicht aus dem Lehrbuch kennt, sondern aus vielen Abenden an vielen Tischen.
Mir ist wieder klar geworden, wie sehr Weinsprache davon lebt, dass beide Seiten so tun, als wüssten sie, was gemeint ist. Der eine sagt „kreidig“, der andere nickt. Wahrscheinlich war keiner von beiden je in einer Kreidegrube. Das ist nicht schlimm, das ist Alltag. Interessant wird es, wenn jemand diese Verabredung durchschaut und trotzdem Freude daran hat.
Und dann ist da noch die Frage nach dem Essen, die in jedem Gespräch über Wein irgendwann auftaucht, weil sich Wein selten allein auf dem Tisch befindet. Wer am Tisch arbeitet, sieht, was zusammenpasst und was nur auf der Karte gut aussieht.
Ich will dir hier nicht nacherzählen, was Gunnar Tietz sagt. Das wäre, als würde ich dir den Schluss eines Films erklären und dann fragen, ob du Popcorn willst. Hör selbst rein. Wenn du danach einen Wein einfach lecker findest und dir das reicht, hat die Folge ihren Zweck erfüllt. Wenn du danach genauer hinschmeckst, ebenfalls.
Die Folge ist ab heute online. Such dir einen Spaziergang, eine Küche oder eine Bahnfahrt dafür aus.
Ein weiterer „Veteran“ findet sich hier, wenn Du die erfahrungsreiche Episode von Gunnar mochtest:
Eine ganz besondere Ehre und Freude ist es, so besondere Produzenten
und Produkten während der Episode präsentieren zu dürfen:

