
2025 Vistamare – Ca’Marcanda, Toskana, Italien
Jede Immobilienanzeige der Welt lügt beim Wort „Seeblick“. Meistens bedeutet es: Wenn du dich auf dem Balkon weit genug nach links lehnst und die Nachbarkiefer gerade keine Blätter trägt, könnte da hinten tatsächlich Wasser glitzern. Angelo Gaja, seines Zeichens Barolo-Legende, fand diesen Etikettenschwindel offenbar so charmant, dass er ihn kurzerhand auf eine Flasche geklebt hat. Vistamare heißt Meerblick, und anders als beim windigen Makler bekommst du hier tatsächlich welchen, nur eben im Glas statt vom Balkon.
Die Geschichte dahinter ist fast so herrlich zäh wie manche Weinberglagen selbst: Um das Bolgheri-Anwesen zu kaufen, brauchte Gaja achtzehn Anläufe. Die Einheimischen nannten das Gut irgendwann nur noch „Ca’Marcanda“, das Haus des endlosen Feilschens. Gelohnt hat es sich. Vermentino, Viognier und ein Schuss Fiano wachsen hier auf einem Hügel mit Blick auf die tyrrhenische Küste, gestreichelt von einer Meeresbrise, die offenbar einen sehr guten Job macht.
Im Keller trennt man sich erst einmal: Der Vermentino reift kühl und nüchtern im Stahltank, fast wie ein Buchhalter, der lieber Zahlen liebt als Gefühle. Der Viognier hingegen darf ins Holzfass, wo er sich seine Rundungen und ein bisschen Drama gönnt. Nach einem halben Jahr werden beide verheiratet, und wie bei jeder guten arrangierten Ehe funktioniert das erstaunlich gut: weiße Pfirsiche, Zitrusschale, ein Hauch Kräuter der Macchia und am Ende dieser salzige Kick, der dich unweigerlich ans Meer denken lässt, selbst wenn du gerade im Auto auf der A3 stehst. Serviere ihn zu gegrilltem Fisch oder einfach zu der Illusion, dass dein Abend gerade eine Küste hat.
2025 Chenin Blanc Unwooded – Delheim, Stellenbosch, Südafrika
1938 kaufte ein Deutscher namens Hans Otto Hoheisen eine windschiefe Farm am Simonsberg, nur um dort mit seiner Frau Deli in aller Ruhe alt zu werden. Man kennt das: Man will nur noch ein bisschen Obst ziehen und die Füße hochlegen, und am Ende hat man aus Ressourcennot während des Krieges den Wein in leeren Bierflaschen abgefüllt und selbst gescherzt, seine Initialen HOH stünden eher für „Hell of a Hangover“. Der Ruhestand ist grandios gescheitert. Aus „Deli’s Heim“ wurde Delheim, eines der bekanntesten Weingüter Südafrikas, und der Alterssitz wurde nie fertig gebaut.
Weitergeführt hat das Ganze sein Neffe Michael „Spatz“ Sperling, der 1951 aus Deutschland kam und sich in einer Zeit, in der am Kap fast nur süß und schwer getrunken wurde, stur für trockene Weine einsetzte. Heute stehen mit Victor und Nora Sperling schon die Enkel im Keller, was die Familie offiziell zur hartnäckigsten Alterssitz-Bauruine der Weinwelt macht.
Der Chenin Blanc Unwooded trägt diese Sturheit fröhlich weiter, nur eben ganz ohne Holz, ohne Schminke, ohne Nachbearbeitung. Von Hand gelesen in den kühlen Morgenstunden, kalt mazeriert, kalt vergoren und einige Monate auf der Feinhefe gelagert, damit er ein bisschen Cremigkeit ansetzt, ohne seine Frische zu verraten. Im Glas: helles Gold, tropische Frucht, Zitrus, dazu diese seidige Textur, die sich anfühlt, als hätte der Wein selbst nie einen schlechten Tag am Kap gehabt. Trink ihn zu Spargel, zu Fisch, oder einfach als Beweis, dass die schönsten Familienunternehmen aus gescheiterten Ruhestandsplänen entstehen.
2022 Réserve Weißer Burgunder – Freiherr von Gleichenstein, Baden, Deutschland
Elf Generationen. Elf. Seit 1634 sitzt die Familie von Gleichenstein am Kaiserstuhl, was bedeutet, dass ihre Weihnachtsfeiern vermutlich eher Betriebsversammlungen mit Gänsebraten sind. Seit 2003 führen Johannes und Christina von Gleichenstein das Gut, und der Titel Freiherr klingt zwar nach Rüstung und Burgzinnen, doch das eigentliche Kapital der Familie liegt tiefer: im Vulkangestein.
Der Kaiserstuhl ist nämlich kein romantischer Hügel, sondern ein erloschener Vulkan, und das merkt man den Weinen an. Die Rebwurzeln müssen sich durch verwittertes Lavagestein kämpfen, um an Mineralien zu kommen, was ungefähr so gemütlich ist, wie mit bloßen Händen durch Kies zu graben, nur dass am Ende ein Weißer Burgunder mit ordentlich Rückgrat dabei herauskommt.
Seit 2023 gibt es mit der Réserve-Linie eine neue Stufe zwischen Gutswein und Lagenwein, und der 2022er ist einer der ersten seiner Art. Die Trauben stammen ausschließlich von Oberrotweiler Lagen wie dem Eichberg, dem Hausberg direkt hinter dem Weingut, der Ertrag wurde konsequent gedrosselt, von Hand gelesen, und im Keller darf der Wein nur kurz und sehr vorsichtig Kontakt zum Holz haben, gerade so viel, dass man sagen könnte, er wurde sanft vom Fass geküsst und nicht etwa stundenlang abgeknutscht.
Das Ergebnis ist ein Weißer Burgunder mit mehr Tiefe und Mineralität als der Gutswein, bei einer Frische, die trotzdem nichts von ihrer Spannkraft verliert. Ein Adelswappen mit Erdung, sozusagen. Passt zu allem, was cremig, aber nicht überladen daherkommt, vom Kalbsschnitzel bis zum Rahmpilz, und ehrlich gesagt auch hervorragend zu einem Sonntagnachmittag, an dem elf Generationen Familiengeschichte für einen Moment einfach nur gut schmecken dürfen.
Langjähriger Freund und Wegbegleiter von Iris ist Sebastian Borthäuser und der Podhäuser ist hier zu hören:
Diese Weine gibt es bei der Schlumberger-Gruppe. Profis finden Sie bei:

und private Weinfreunde beim:

