
Ein guter Sommelier spricht mit Dir über Wein. Ein sehr guter Sommelier spricht mit Dir – und der Wein ist dabei das Thema, das ihr beide noch gar nicht erwähnt habt.
Es gibt in jedem Beruf diesen einen Moment, in dem aus Können etwas anderes wird. Schwer zu benennen, leicht zu erkennen. Bei Musikern passiert es mitten in einem Konzert. Bei Schriftstellern irgendwo in Kapitel sieben. Bei Sommeliers – wenn man Sebastian Russold zuhört – passiert es am Tisch, in dem winzigen Augenblick zwischen der Frage des Gastes und der Antwort des Sommels. Genau dort, sagt er, entscheidet sich alles.
Was ihn formt, ist ein Weg, der so ziemlich keine Abkürzung kannte. Die frühen Jahre im Restaurant Ikarus in Salzburg bedeuteten: jeden Monat ein neuer Gastkoch aus einer anderen Ecke der Welt, eine neue Karte, ein neues Konzept – und ein Sommelier, der sich jedes Mal neu kalibrieren musste. Das schult nicht nur das Gaumen-Gedächtnis. Es schult das Zuhören. Denn wer nicht versteht, was ein Koch meint, wenn er sein Gericht baut, kann auch nicht verstehen, welcher Wein daneben sitzt wie ein alter Freund und welcher wie ein Fremder, der zu laut redet.
Russold hat diese Kalibrierung über Jahre verfeinert – mit dem WSET Diploma in der Tasche, der Qualifikation zum Certified Sommelier beim Court of Master Sommeliers im Gepäck, einem Bachelorstudium im Tourismusmanagement als solides Fundament darunter. Das klingt nach Theorie. Ist aber das Gegenteil: All diese Abschlüsse taugen nur dann etwas, wenn man sie am Tisch vergessen kann. Und genau das, so scheint es, ist Russolds eigentliche Meisterdisziplin – das strategische Vergessen. Wissen ansammeln, um es im entscheidenden Moment loszulassen und einfach nur zu spüren, was der Abend braucht.
Was die heutige Episode mit ihm so besonders macht: Wir reden nicht über Rebsorten. Zumindest nicht nur. Wir reden über Wein als Sprache – als das Medium, das zwischen Menschen entstehen kann, wenn jemand wie Russold den richtigen Satz zur richtigen Zeit ins Glas gießt. Über Empathie als Handwerk, nicht als Wellness-Buzzword. Über die Frage, warum ein Sommelier manchmal mehr über einen Gast weiß als dessen Tischpartner – einfach weil er aufmerksam ist, ohne aufdringlich zu sein. Eine Fähigkeit, die im Übrigen auch außerhalb von Restaurants nützlich wäre, aber lassen wir das.
Interessant ist auch der Blick, den er auf seine eigene Branche wirft. Russold ist jemand, der die Sommellerie nicht als geschlossenen Club begreift, sondern als etwas, das sich öffnen muss – in der Sprache, in der Haltung, im Selbstverständnis. Seit 2025 arbeitet er als Studientutor an der Deutschen Hotelakademie, nicht weil er Lehrpläne liebt, sondern weil er, wie er selbst sagt, Wissen auf Augenhöhe vermitteln will. Nicht von oben ins Glas des Schülers kippen, sondern gemeinsam kosten.
Diese Episode ist für alle, die schon mal vor einer Weinkarte saßen und das Gefühl hatten, einen Führerschein zu brauchen. Für alle, die Wein mögen, aber den Sommelier davor fürchteten. Und für alle, die genau wissen, warum ein Abend manchmal besser ist als erwartet – ohne genau benennen zu können, woran es lag. Vielleicht lag es am Wein. Vielleicht am Menschen dahinter.
Wenn Du die Episode mit Sebastian mochtest, wirst Du diese lieben:
Vielen lieben Dank an diese Ausnahmeerzeuger, dass wir ihre Weine und sie in dieser Folge vorstellen dürfen:

