
Die Central Coast zu verallgemeinern ist eigentlich nicht möglich. Denn es ist einer dieser Orte auf unserer Erde, die sich weigern, einfach zu sein. Die Central Coast ist so ein Ort. Wer glaubt, er könne sie mit einem Wort beschreiben, hat sie nicht verstanden. Wer glaubt, er könne sie mit zwei Weinen erklären, hat sie kaum gerochen.
Fangen wir mit der schieren Größe an, weil die allein schon Respekt verdient: Die Central Coast AVA erstreckt sich über rund 450 Kilometer, vom San Francisco Bay südwärts bis ins Santa Ynez Valley, und umfasst einige der bekanntesten Weinbaugebiete Kaliforniens außerhalb von Napa und Sonoma. Innerhalb dieser riesigen AVA liegen über 100.000 Acres Weinberge, auf denen allein Chardonnay mehr als die Hälfte der Anbaufläche belegt. Das klingt nach Monotonie. Es ist das Gegenteil.
Denn was diese Region wirklich definiert, liegt tiefer. Buchstäblich tiefer. Die Geologie der Central Coast ist maßgeblich geprägt durch tektonische Plattenbewegungen – die berüchtigte San-Andreas-Verwerfung zieht mitten durch das Gebiet und hat eine außergewöhnliche Bodenvielfalt geschaffen. Auf der Westseite von Paso Robles liegt die größte freigelegte Kalksteinschicht ganz Kaliforniens – derselbe Boden, den man in der Champagne findet, in Burgund, in Chablis, an der Loire und im Südlichen Rhônetal. Kalkstein in Kalifornien. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist ein geologischer Glücksfall, der Weine mit einer mineralischen Tiefe ermöglicht, die sonst niemand in diesem Staat produziert.
Und dann ist da der Wind. Der Templeton Gap – eine natürliche Öffnung in den Küstenbergen – funnelt kalte Meeresluft direkt ins Innere von Paso Robles und erzeugt damit den größten Tagestemperaturunterschied aller Weinbauregionen der Vereinigten Staaten. Tagsüber brennt die Sonne, nachts fällt die Temperatur. Die Rebe schläft. Die Säure bleibt. Das Ergebnis: Weine, die Kraft haben und trotzdem nicht schwitzen.
Weiter südlich, in Santa Barbara County, spielt sich etwas ab, das die Geografie eigentlich verbieten sollte. Die Täler des Countys verlaufen von Ost nach West – als einzige solcher Täler auf der gesamten Pazifikküste zwischen Alaska und Kap Hoorn. Das macht sie zu Trichtern, nicht zu Barrieren: Kühl-feuchte Meeresluft schiebt sich ungehindert ins Landesinnere und schafft Kühlklima-Verhältnisse an einem Breitengrad, wo das eigentlich niemand erwartet. Die Böden entstammen größtenteils dem Meeresgrund des Pazifiks – alte marine Ablagerungen, die den Weinen kreidige, salzige Charakterzüge verleihen. Man trinkt, und irgendwo im Glas steckt noch immer der Ozean.
Was die Central Coast letztlich von allem anderen unterscheidet, ist ihre weigernde Haltung gegenüber Uniformität. Santa Barbara County und Paso Robles sind zwei vollkommen verschiedene Weinwelten innerhalb derselben Großregion – die eine kühl, präzise, floral; die andere warm, tiefgründig, von Kalkstein und Rhône-Charakter durchdrungen. Winemakers in Paso Robles bauen Nischensorten an wie Picpoul de Pinet und Falanghina – mit einer Wild-West-Attitüde, die sich schlicht weigert, als Einsortenregion abgestempelt zu werden.
Das ist das Geheimnis der Central Coast. Sie ist kein Gebiet. Sie ist ein Argument. Ein langes, kompliziertes, wunderbar anstrengendes Argument dafür, dass Wein, wenn man ihn wirklich versteht, immer auch Geologie, Wind und Sturheit ist.
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Während der Episode hatten wir die große Ehre und Freude ganz besondere Weine verkosten und vorstellen zu dürfen. Vielen lieben Dank den besonderen Handelshäusern dafür, dass sie uns dieses Weine zur Verfügung gestellt haben.

