
Heute ist es so weit: Die Folge mit Janine Löwenberg ist draußen, und ich sitze hier mit einem offenen Fenster zur Mosel in meinem Kopf – oder zumindest fühlt es sich so an, nach diesen zwei Stunden. Wir haben uns online getroffen, sie irgendwo zwischen Trittenheim und Piesport, ich in meinem Berliner Chaos, und doch war es, als würde der Schieferstaub durch den Bildschirm rieseln. Janine, die Sommelière des Schanz-Restaurants, hat nicht nur geredet, sie hat serviert: Gedanken, Anekdoten, und vor allem diese unbändige Leidenschaft für Weine, die sich anfühlen wie ein Flüstern aus dem Hang.
Wenn du denkst, eine Sommelière in einem Zweisterne-Haus wie dem Schanz – wo Thomas Schanz die Küche mit moderner Klassik rockt und das Ganze in warmer Holzoptik schimmert – sei eine Art Wein-Wächterin, dann irrst du. Janine ist Choreografin. Jede Geste am Tisch, jeder Einschenk, ist ein Tanzschritt, der auf den Gast abgestimmt ist: Nicht zu schnell, damit die Aromen Zeit haben, aufzusteigen; nicht zu viel, damit der Wein atmen kann, ohne zu ertrinken. Sie erzählt von Temperaturpräzision, als wäre es ein Insiderwitz – 0,7 Grad hoch für einen Riesling, wenn der Tisch eine Erkältungswelle hat, weil Säure sonst beißt wie ein ungeduldiger Hund. Und Gläser? Sie wählt sie nach Stimmung: Schmal für die Intros, breit für die Feierlaunigen, immer so, dass der Wein im Mittelpunkt bleibt, nicht das Kristall.
Aber das Herzstück unseres Gesprächs, das, worüber wir uns richtig festbeißen, ist das Kabinett. Nicht als Prädikat, nein, als diese einzigartige Lebenskunst der Mosel. Janine malt es aus wie ein Porträt: Das Kabinett, der leichtere Bruder der Prädikatsfamilie, aus Trauben geerntet, die gerade reif genug sind, um zu flüstern, nicht zu brüllen. In der Mosel, diesem schmalen Band aus Schiefer und Steilhang, wird es zum Meisterwerk der Balance. Die Säure – spritzig wie Zitronengras, aber nie aggressiv – hält die leichte Süße im Zaum, die an reife Birne oder Cox-Orange-Apfel erinnert. Mineralisch, ja, mit diesem nassen Schiefer-Touch, der sich anfühlt wie ein Kuss vom Flussbett: Blaue, graue, rote Schieferarten in Lagen wie dem Trittenheimer Apotheke oder dem Eitelsbacher Karthäuserhofberg, die dem Wein diese elektrische Frische geben, die nirgends sonst so pur ist.
Wir drehen uns im Kreis um diese Einzigartigkeit: Warum Kabinett in der Mosel nicht nur ein Wein ist, sondern ein Resonanzkörper fürs Terroir? Weil die Steillagen – bis zu 65 Grad Hang, wo Winzer auf Leitern klettern wie Akrobaten – die Trauben zwingen, Tiefe aus dem Gestein zu saugen. Der Wein bleibt leicht, oft bei 8–9 Volumenprozent, feinfruchtig mit Blütennoten und einer Mineralität, die tagelang nachhallt. Janine lacht, als sie von Paarungen erzählt: Ein Kabinett zu einem Schanz-Gericht wie zartem Zander mit Kräutern – der Wein hebt die Säure des Fisches, ohne zu dominieren, schafft diesen sensorischen Dialog, wo Küche und Wein ping-pong spielen. „Es ist wie ein langsamer Flirt“, sagt sie, „der Gast merkt es erst, wenn der Teller leer ist und das Glas noch vibriert.“ Und ja, wir sprechen von Jahrgängen wie dem 2022er Enkircher Kabinett feinherb, das Zitrus und Blüten webt, oder dem klassischen Mosel-Kabinett von Ernst Loosen, das Schiefer und Steinobst in perfekter Harmonie balanciert – Weine, die nicht alt werden müssen, um groß zu sein, sondern sofort fliegen.
Das Schanz, dieses Familienjuwel in Piesport mit eigener Weinproduktion und Michelin-Zweisternen-Glanz, lebt davon: Gastlichkeit als sensorischer Austausch, wo Janine mit Thomas Schanz improvisiert, bis ein Gericht seinen Wein findet. Es ist kein Pathos, es ist Präzision mit Herz – und genau das macht sie so mitreißend.
Hör rein, heute. Die Folge wartet auf Spotify, Apple, wo auch immer. Nimm ein Glas (am besten ein Kabinett, kalt, aber nicht eisig), und lass dich fallen. Danach wirst du die Mosel schmecken, ohne je den Hang gesehen zu haben. Oder besser: Du buchst einen Tisch im Schanz und lässt Janine dir zeigen, wie’s live geht.
Ich grinse immer noch. Prost darauf. Silvio
P.S.: Wenn du nach der Folge nicht sofort ein Kabinett bestellst, check deinen Puls. Die Mosel ruft – leise, aber unaufhaltsam.
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Tolle Erzeuger begleiten diese Episode und voller Stolz präsentieren wir diese in der Episode. Vielen lieben Dank dafür.

