
Die Folge ist jetzt draußen. Und ich muss sagen: Es war eines dieser Gespräche, bei denen man danach noch eine Weile sitzen bleibt und nachdenkt. Weil Carine Patricio nicht nur erzählt, sondern die Dinge beim Namen nennt – klar, offen und ohne jede Verbitterung, aber mit einer Schärfe, die sitzen bleibt.
Sie spricht von der ungleichen Situation zwischen Sommelieren und Sommeliers. Vom harten Weg, den viele Frauen in diesem Beruf noch immer gehen. Von Kommentaren in den frühen Jahren, die von Arroganz und Sexismus gefärbt waren. Davon, wie ein geschätzter männlicher Kollege ihre zweite Schwangerschaft als „Karriereselbstmord“ abtat. Solche Sätze fallen nicht in alten Schwarz-Weiß-Filmen, sondern in der vermeintlich aufgeklärten Spitzengastronomie. Carine hat sie gehört, hat weitergemacht und ist stärker zurückgekommen.
2020 wurde sie die erste Frau seit fünfzig Jahren zur Best Sommelier of Portugal gekürt – ein historischer Moment, der eigentlich selbstverständlich sein sollte. Davor stand sie als Chef-Sommelière im Jellyfish in Hamburg am Tisch, heute ist sie bei Joh. Jos. Prüm an der Mosel und trägt die großen Rieslinge in die Welt. Ihr Weg führte von Portugal über Paris nach Hamburg und schließlich in eines der ikonischsten Weingüter Deutschlands. Aber sie macht kein Heldenepos daraus. Sie beschreibt nüchtern, wie es sich anfühlt, als Frau, als Quereinsteigerin mit philosophischem Hintergrund und als Mutter in einer Szene zu arbeiten, die lange sehr männlich und sehr hierarchisch geprägt war.
Was mich besonders beeindruckt hat: Ihre Kritik ist nie pauschal oder destruktiv. Sie ist konstruktiv, fast schon liebevoll streng. Sie kritisiert das alte Rollenbild, ohne das Handwerk oder die Kollegen zu verurteilen. Stattdessen zeigt sie auf, wo die Ungleichheit noch steckt – in kleinen Bemerkungen, in Erwartungshaltungen, in der Art, wie Leistung und Präsenz bewertet werden. Und sie erzählt, wie sie trotzdem ihren eigenen Stil gefunden hat: aufmerksam, empathisch, präzise und gleichzeitig unaufdringlich.
Wein wird bei ihr zum echten Kommunikationsmittel. Nicht zum Machtinstrument oder zum Beweis von Überlegenheit, sondern zum Auslöser für echte Begegnung. Timing, Intuition und die Fähigkeit, den Gast dort abzuholen, wo er wirklich ist – das sind für sie zentrale Elemente moderner Sommellerie. Und genau diese Qualitäten, sagt sie indirekt, werden bei Frauen oft anders gewichtet als bei Männern. Weniger als Stärke gesehen, manchmal sogar als „weich“ abgetan. Dabei sind sie es, die den Unterschied machen.
Die Folge fühlt sich an wie ein kühler, klarer Moselriesling: frisch, mineralisch, mit einer feinen Säure, die den Gaumen wach hält. Carine macht keine Opfergeschichte daraus. Sie macht eine Bestandsaufnahme – ehrlich, reflektiert und mit dem klaren Blick von jemandem, der das System von innen kennt und es trotzdem nicht verlassen hat.
Wenn du dich für die Gastronomie, für Wein oder einfach für die Frage interessierst, wie Berufe sich verändern, wenn mehr Persönlichkeit und weniger alte Rollenklischees ins Spiel kommen, dann hör rein. Es ist kein leichtes, aber ein sehr lohnendes Gespräch.
Die Episode mit Carine Patricio ist ab sofort verfügbar.
Und vielleicht schmeckt der nächste Schluck danach ein bisschen anders. Bewusster. Und mit etwas mehr Respekt vor denen, die den Weg geebnet haben – oft gegen leisen, aber spürbaren Gegenwind.
Hör rein. Es lohnt sich wirklich.
Ich mag die kritischen Episoden sehr. Sie legen auf eine eigene Weise Gedanken und Erfahrungen frei, wie diese:
Richtig tolle Ausnahmewinzer dürfen wir mit deren Weinen in dieser Episode präsentieren. Vielen lieben Dank dafür:

