
Portugals Weinwelt – Ein Fließtext voller Überraschungen, die man so nicht erwartet hätte
Man glaubt, Portugal sei vor allem Portwein-Land, doch die Wahrheit ist viel aufregender: Seit 2010 hat sich die Exportmenge trockener Tischweine fast verdreifacht – von 1,2 Millionen Hektolitern auf über 3,5 Millionen im Jahr 2024 – und überholt damit den gespritzten Port in Wert und Volumen. Der süße Klassiker macht heute nur noch knapp 25 % des Exportwerts aus, während trockene Rot- und Weißweine die Fahne hochhalten. Überraschend? Absolut, denn noch vor 20 Jahren lachte die Weinwelt über portugiesischen Tafelwein und dachte an billigen Mateus Rosé.
Noch verblüffender: Portugal ist das Land mit der höchsten Dichte an autochthonen Rebsorten weltweit. Während Frankreich stolz auf rund 200 einheimische Sorten verweist, zählt man in Portugal offiziell 341 registrierte, davon über 250 noch im kommerziellen Einsatz. Italien kommt auf etwa 500, aber auf viel größerer Fläche – pro Quadratkilometer ist Portugal unschlagbar. Und das Beste: Viele dieser Sorten waren fast ausgestorben. Encruzado, Bical oder Jaen (nicht Mencía!) wurden in den 1990er Jahren nur noch auf ein paar Hektar angebaut, heute erleben sie eine Renaissance und landen in Weinen, die 95+ Parker-Punkte holen.
Ein echter Schocker: Der Douro ist nicht nur das älteste abgegrenzte Weinbaugebiet der Welt (1756), sondern seit 2001 auch UNESCO-Weltkulturerbe – als erste Weinregion überhaupt wegen ihrer Kulturlandschaft, nicht wegen des Weins selbst. Und seit 2015 produzieren die besten Douro-Rotweine regelmäßig Weine, die in Blindverkostungen Bordeaux-Grands-Crus alt aussehen lassen. Dirk Niepoort, einer der Pioniere, verkaufte 2023 seinen „Batuta“ für durchschnittlich 180 € die Flasche – mehr als viele Zweitweine aus dem Médoc.
Im Alentejo, dieser scheinbar endlosen Korkeichen-Steppe, hat sich in nur 15 Jahren eine moderne Weinrevolution abgespielt: Die Rebfläche stieg von 12.000 Hektar im Jahr 2000 auf über 23.000 heute, und die Region produziert inzwischen 45 % aller portugiesischen Weine. Aber Achtung: Fast 70 % der Weinberge sind jünger als 25 Jahre – ein extrem junges Weinbaugebiet also. Und trotzdem: Der Alentejo ist Europas größter Produzent von zertifiziertem biologischem Wein – über 18.000 Hektar stehen 2024 unter Bio, mehr als in ganz Deutschland.
Vinho Verde überrascht doppelt: Die Region ist nicht nur grün, sondern auch rot – früher wurden hier fast ausschließlich rote Trauben für den Hausgebrauch angebaut, oft säuerlich und leicht. Heute machen Weißweine 85 % aus, aber der rote Vinhão erlebt ein Comeback als tiefdunkler, säurestarker Geheimtipp. Und der leichte Sprudel? Der ist meist gar nicht natürlich, sondern durch künstliche Karbonisierung – ein gut gehütetes Geheimnis der Region.
Madeira hält den Weltrekord: Der älteste trinkbare Wein der Welt ist ein Madeira von 1772, der 2022 für 12.000 € versteigert wurde – und immer noch lebendig schmeckt. Die Insel produziert nur 0,1 % des portugiesischen Weins, erzielt aber Preise, die selbst Champagner-Häuser neidisch machen.
Zuletzt eine Statistik, die staunen lässt: Portugal hat pro Kopf mehr Weinberge als jedes andere europäische Land – 2,2 Hektar pro 1.000 Einwohner, Frankreich liegt bei 1,3, Italien bei 1,1. Und trotz Klimawandel: Die Durchschnittstemperatur in den Weinregionen ist seit 1980 nur um 1,1 °C gestiegen – weniger als im Bordeaux (1,8 °C) oder in der Toskana (2,0 °C), dank des Atlantiks.
Kurz: Portugal war lange der unterschätzte Underdog Europas. Heute ist es das innovativste, vielfältigste und spannendste Weinland des Kontinents – und die Welt merkt es gerade erst. Wer jetzt zugreift, trinkt nicht nur gut, sondern auch clever. Saúde auf all die Überraschungen!
Nancy war schon einmal zu Gast in unserem Podcast – wusstest Du das?
Die weine der Quinta Ramos Pinto durften wir während der Episode verkosten – vielen lieben Dank dafür

